Zum 50ten Todestag von Franz Kremer

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Zum 50ten Todestag von Franz Kremer

      Franz Kremer verstarb am 11.11. 1967, vorgestern von 50 Jahren.

      Der Boss, wie er genannt wurde, war schon zu Lebzeiten eine legendäre Figur. Aus dem Nichts hatte er 1948 die Gründung des 1.FC Köln bewirkt, aus einer Fusion eines "bürgerlichen" Vereines, dem KBC(Kremer`s Stammverein) und Sülz, einem eher dem Arbeitermilieu zugeneigten Verein. Diesen Spagat hin zu bekommen, das Unmöglich wahr zu machen - das war so die Art von Franz Kremer.

      "Wollen Sie mit mir Deutscher Meister werden?!" - das war die visionäre Frage, mit der Franz Kremer seine Freunde und Widersacher einfing. Und zu diesem visionären Ziel, welches gerne belächelt wurde, passte auch das Maskottchen des FC - der Geissbock, der zum Sprung über den Dom an setzt. Unmöglich, eigentlich - genauso wie Deutscher Meister werden. Denn wer war denn dieser 1.FC Köln im Grunde genommen?! Vor dem Krieg hatten sich Kölner Ballkünstler im Fussball nie hervor getan - es hatte wederzu westdeutschen noch gar zu deutschen Meisterschaften gereicht. Schalke, Nürnberg, Dresden, Hamburg, Fürth - das waren die Mannschaften, die den deutschen Fussball beherrschten.
      Der zweite Weltkrieg brachte die Zäsur - und Franz Kremer war ein Mann der Zäsur und ein Mann, der die Zäsuren forcierte und nützte. Bereits im zweiten Jahr stieg der FC in die seinerzeit höchste deutsche Klasse auf, die Oberliga West. In dieser tummelten sich die Traditionsklubs Schalke, Dortmund, Rot-Weiss Essen, Preussen Dellbrück, Westfalia Herne - um einmal ein paar zu nennen. Der FC wurde 1954 das erste Mal westdeutscher Meister. Und von 1960 - 1963 viermal in Folge Deutscher Meister. Kremer hatte Maßstäbe gesetzt. Er hatte das kongeniale Duo Röhrig und Schäfer geholt. Dörner, Mebus, Sturm, Stollenwerk- gestandene Nationalspieler rheinischer Herkunft kickten für den FC. Kremer - in vorprofessionellen Zeiten - lockte mit Absicherungen, die für Vertragsspieler völlig unüblich waren: Arbeitsplätze, Tankstellen, Tabakläden. Lächerlich nach heutigen Massstäben - seinerzeit fast revolutionär. Kremer besorgte seinen Spielern Bausparverträge, besorgte ihnen Immobilien. Beriet sie selber, wie sie ihr Geld zusammen halten sollten.
      Kremer schuf im Grüngürtel der Stadt für den 1.FC Köln eine Clubanlage, die seinerzeit ihres Gleichen suchte. Franz Kremer war ein Visionär und ein Diktator. Widerspruch duldete er selten - weil er besser wusste. Dabei war er jemand, der sich darauf verstand das Publikum bei Laune zu halten. Er sorgte für ausländischen Flair - Frans de Munck wurde Torwart in Köln. Ein überragender Torwart und dazu einer, der die weiblichen Anhänger geradezu verzückte. Er holte den jugoslawischen Ausnahmespieler Cik Cjaikovski nach Köln - der hatte dann allerdings so seine Sorgen mit Trainer Hennes Weisweiler("Tschik, decken, du Ars...).
      Kremer erkannte schon in den fünfziger Jahren, daß das Konstrukt der obersten Spielklassen in Deutschland(5 Oberligen) nicht dazu tauglich war, Spitzenfussball in Deutschland auf Dauer möglich zu machen. Er suchte und fand Verbündete - in Hermann Neuberger, dem nachmaligen DFB Chef und in Sepp Herberger, dem damaligen Bundestrainer - wie Kremer eine legendäre Überfigur.

      Franz Kremer wurde Deutscher Meister, 1962 schlug die Startruppe des 1.FC Köln den amtierenden Meister Nürnberg in Berlin mit 4:0. Die überragenden Akteure waren seinerzeit Schäfer, Sturm, Thielen, Christian Müller und Schnellinger. Jenen Schnellinger- 1962 nach der WM zum weltbesten Verteidiger gekürt - verkaufte Kremer völlig ungerührt für 1 Million DM an den AC Mailand. 1963 war das und das war seinerzeit ein unfassbarer Deal.

      Die ersten Bundesligasaison - Kremer hatte 1962 obsiegt und wurde zum Vater der Bundesliga ernannt - startete 1963. Wer war am besten auf diese Situation vorbereitet?! Natürlich der 1.FC Köln, der mit quasi professionellen Strukturen aufwarten konnte.
      Und der eine Mannschaft hatte, die weit vor den anderen Teams lag. Zwei ganze Spiele verlor der FC in dieser Meisterschaft. Und Namen wie Schäfer, Sturm, Thielen, Hornig, Weber, Overath, Wilden dominierten die Liga. Der nachmalige Auftritt des FC im Europapokal der Landesmeister inklusive des tragischen Scheiterns nach Münzwurf in Rotterdam brachten dem FC Anerkennung und viel Sympathie - nicht zuletzt, weil Kremer das Ausscheiden des FC werbetechnisch fast ausschlachten liess.

      Die grossen Bayern - Aufsteiger in die Liga 1965 - nahmen Nachhilfeunterricht in Köln, liessen sich von Kremer zeigen, wie man einen Fussballverein führt und aufbaut. Neudecker und Schwan hospitierten am Geissbockheim. 1965 beendete Hans Schäfer -für Kremer ein Ziehsohn - seine grosse Karriere. Die erste Zäsur negativer Art für den Boss. Ohne den Boss auf dem Spielfeld funktionierte es nicht mehr wie vorher - Köln hatte zwar Spieler wie Weber, Löhr, Hornig und vor allem Overath, aber Köln hatte keinen wahren Lenker mehr auf dem Rasen - und es gab manchen Eingeweihten, der sagte, daß es in Köln nur mit einem solchen Duo funktionieren könne:Boss jenseits des Rasen, Boss auf dem Rasen.

      Franz Kremer - seine bullige Gestalt liess anderes vermuten - war da schon ein kranker Mann. Sein Herz war angeschlagen und sicher war sein Lebenswandel(der Mann liebte gutes Essen du dicke Zigarren) nicht Lebens verlängernd. Am 11.11. 1967 spielteder FC in Frankfut und gewann 2:1. Das war Kremer`s letzte Freude, er verstarb noch während der Radiosendung. Als die Mannschaft spätabends nach Hause kam, wurde sie am Geissbockheim mit der bedrückenden Nachricht empfangen. Wolfgang Weber war nicht der einzige, der hemmungslos weinte. Die Spieler verehrten ihren Boss, obwohl er auch bei ihnen keinen Widerspruch duldete. Aber sie hatten verstanden, daß er es gut mit ihnen meinte.

      Mein Vater war ein Mann, der durchaus zu differenzieren verstand und jeglicher Form von Heldenverehrung in Normalfall ablehnend gegenüber stand. Aber von ihm stammte der bemerkenswerte Satz, daß Kremer ein Mann gewesen sei, dem er überall hin gefolgt sei. Ich selbst habe Franz Kremer natürlich nicht kennen gelernt. Aber ich habe ihn gesehen und das war im Juni 1967 . fünf Monate vor seinem Tod. Das war im Geissbockheim nach dem Spiel gegen Bremen. Ein Mann im dunklen Anzug und Krawatte, der durch das Lokal im Clubheim schritt. Mit der unvermeidlichen Zigarre in der Hand und der Aura der Autorität - dieses Bild hat sich unauslöslich eingeprägt.

      Der 11.11.1967 - ein für Kölner ohnehin signifikantes Datum - hat eine Zäsur für den 1.FC Köln bedeutet. Mit Müller, Maas, Weiand, Artzinger - Bolten, Hartmann, Caspers, Overath und Spinner hat es 8 Präsidenten nach diesem einen Präsidenten gegeben. Nicht einer konnte seinem Schatten auch nicht annähernd entrinnen. Peter Weiand - mit Köln immerhin Deutscher Meister und 3 x Pokalsieger - war der Erfolgreichste. Die Visionen, die Hartnäckigkeit, das Genie eines Kremer hatte er auch er nicht. Aberda musste er sich nicht grämen - denn Franz Kremer war nicht nur für Köln eine Überfigur.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Soll/Ist ()