Brett-Blog #2 | Ralf Friedrichs

    • Brett-Blog #2 | Ralf Friedrichs

      Liebe Brett-Community,

      heute dürfen wir Euch den zweiten Teil unseres Brett-Blogs vorstellen. Kein geringerer als Ralf Friedrichs berichtet von einer Erfahrung, die nicht jedem zuteil wird: Zu erleben, wie der 1. FC Köln die Meisterschaft gewinnt. Ralf Friedrichs ist seit 2007 als Autor diverser Satire-Bücher (u.a. "Neulich im Geißbockheim" Reihe) sowie zeitgenössischer Romane tätig, hat aber auch als TV-Moderator diverser Fußball-Talk Formate für den TV-Sender center.tv Köln auf sich aufmerksam gemacht. Das beliebte Format FC-Stammtisch Talk hat er 2009 in Eigeninitiative selbst kreiert und in der Folge übernahm er zusätzlich den Heimspiel Fußball-Talk auf center.tv. Mehr Infos zu Ralf Friedrichs gibt es für Euch unter ralf-friedrichs.de

      Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Friedrichs, dass er sich die Mühe gemacht hat und freuen uns sehr, einen so bekannten Autoren für den Brett-Blog gewonnen zu haben. Nun wünschen wir Euch viel Spaß beim Lesen!

      Von Ralf Friedrichs
      Wie ich Deutscher Meister wurde....

      Wenn ich mit FC-Fans zusammensitze und über unseren wunderbaren Verein diskutiere, dann kommt irgendwann, zumeist von jüngeren Anhängern, die Frage nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 1978. Es fallen dann meistens Sätze wie „Wir beneiden euch, die ihr damals dabei gewesen seid. Wie geil war das denn?“

      So verständlich diese Frage ist, so sehr war der 29.04.1978 in meinen Augen zunächst einmal ein Ärgernis. Aber eines nach dem anderen.

      Bereits im Vorjahr sollte der FC eigentlich Deutscher Meister werden, dies hatten Medien und Umfeld im Vorfeld der Saison 1976/1977 bereits beschlossen. Hennes Weisweiler war zu seinem FC zurückgekehrt, zu dem FC, den er in seiner Gladbacher Zeit immer unbedingt besiegen wollte und dies leider auch öfter schaffte, als es uns lieb war. Der Meistertrainer war nach einem nicht ganz glücklichen Jahr beim CF Barcelona zu seinem Heimatverein zurückgekehrt. Jetzt konnte ja nichts mehr schiefgehen.

      “Mit Hennes werden wir Meister”

      Bekanntermaßen gelang der ganz große Wurf in dieser ersten Saison nicht, aber immerhin holte die Mannschaft den DFB-Pokal. Allerdings gab es auch hier bereits Zoff, schließlich stellte Weisweiler den Star Wolfgang Overath im Wiederholungs-Endspiel nicht mehr auf. Die große Karriere des Weltstars endete unrühmlich und der sich gedemütigt gefühlte Overath hat das Hennes wohl nie ganz verziehen. Ich komme gleich noch einmal darauf zurück …

      In der Saison 1977/1978 lief es aber mit dem neuen Spielgestalter Heinz Flohe so richtig rund. Das Team behauptete die Spitze, konnte sich aber nie vom hartnäckigen Verfolger, Borussia Mönchengladbach, punktemäßig absetzen. Insofern musste der letzte Spieltag entscheiden.


      … hier passierte es. deutscher Meister FC!

      Zu diesem Zeitpunkt, an diesem besagten 29.04.1978 hielt ich mich mit meinen Freunden in der Hürth-Efferener Schrebergartenanlage „Beller Strasse“ auf. Auf der großen Wiese stand eine fest installierte Tischtennisplatte aus Stein, auf der wir hockten und andächtig die heilige WDR Sendung „Sport und Musik“ lauschten. Das Radio hatten wir zuvor organisiert, lediglich die Batterien waren bereits etwas schwach auf der Brust.

      “Der Tag X”

      Vor lauter Nervosität und auch um die Batterien für die 2. Halbzeit zu schonen, haben wir das Radio erst einmal Radio sein lassen und mit den Freunden aus der “Kleingartenanlage” selbst Fußball gespielt. Aus den angrenzenden Gärten hörte man zwischendurch den einen oder anderen Fluch und manches mal das Wort „Betrug“. Den Halbzeitstand von 6:0 für Gladbach, die bekanntermaßen gegen Dortmund anzutreten hatten, haben wir fassungslos aufgenommen … und in mir wurde eine Horrorvison geweckt. Es war schon merkwürdig, in der Sendung „Sport am Freitag“ im ZDF hatte man in einer Grafik ein 12:0 für Gladbach als notwendig prognostiziert, um noch Deutscher Meister zu werden. Dies würde dann reichen, wenn der FC nur knapp gewinnt. Von so einem Fall sei aber nicht auszugehen, hieß es. Aber nun sah es verdammt noch mal genau danach aus.

      Jetzt kam mir auch die Aussage des damaligen Trainers von Borussia Dortmund wieder in den Sinn. Was hatte er den Medien in die Blöcke diktiert? “Ein Meister Gladbach ist mir persönlich lieber als ein Meister Köln” …

      “Weltgrößer Fliegenfänger?”


      Zusätzlich nimmt der später als Rehakles verehrte Trainer auch noch ohne große Not den Dortmunder Stammtorwart Bertram raus und stellt den auf ewig unvergesssenen und unerfahrenen Peter Endrulat in den Kasten. Dieser an und für sich bedauernswerte Zeitgenosse wurde für mich an diesem Tag zum größten Fliegenfänger, der jemals einen Fußballplatz betreten hatte.

      Wir versuchten den Ärger, der ins uns mehr und mehr aufkam, durch unser eigenes Spiel abzubauen,. Immer wenn ich gegen den Ball trat, hatte ich ein imaginäres Rehagel-Bild vor Augen und trat dementsprechend zu. Wie gut, das man auch friedlich seine Aggressionen abbauen kann …

      Irgendwann wurde die Spannung unerträglich und wir entschieden uns, die restlichen Batterien zu opfern, um per Radio zu hören, wie unser 1.FC Köln doch noch Deutscher Meister wird. Zur Erinnerung, der FC führte zur Halbzeit gerade mal mit 1:0 nach einem Tor von Heinz Flohe.

      In Düsseldorf (ausgerechnet), dorthin waren die Borussen aufgrund der höheren Zuschauereinnahmen ausgewichen, waren natürlich weitere Tore gefallen. Beim Tag der offenen Tür (Torschusstraining unter Wettkampfbedigungen) durfte da jeder mal ran.

      “Es passiert”

      Aber auch der FC legte nun los und vor allem legte er nach. Jetzt wurde es nicht nur auf unserer Tischtennisplatte laut, auch in den umliegenden Schrebergärten liefen die Radios auf Knallgas … die Reporterstimmen schallten aus jeder Ecke in unsere Richtung, unser Batterieproblem war damit so gut wie gelöst.

      Die blöde Rechnerei nervte natürlich, zwischendurch wurde gestritten, wer denn nun Meister sei beim aktuellen Spielstand. Aber die Reporter hielten uns auf dem Laufenden, noch hatte Gladbach den FC nicht eingeholt.

      … und es reichte!


      Schlusspfiff! Deutscher Meister FC !!!
      Drei Tore mehr in der Endabrechnung! Das 12:0 hatte den Gladbachern nichts mehr genutzt, weil unsere FC-Götter gegen aufopferungsvoll kämpfende St. Paulianer noch mit 5:0 gewonnen hatten. Jubel ohne Ende, bei uns und bei den Schrebergärtnern. Das erste, was ich tat, war jedoch – nach einem kurzen Jubelschrei – mir unseren Ball zu schnappen und ihn in Torwartmanier in die Luft zu werfen um ihn dann gefühlt bis ans Himmelstor zu treten (dabei Sch…. Dortmunder schreiend). Dort prallte das Leder aber wohl von der Latte wieder ab und landete bei einem der benachbarten Gärten fast auf dem Grill eines zum Glück – im Nachhinein – verständnisvollen Kleingärtners.

      Es war also komisch, ich empfand Freunde und unbändigen Zorn gleichzeitig. Das konnte ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein und witterte einen neuen Bundesliga-Skandal. Das wollte ich mir natürlich in der Sportschau ansehen.

      Wer die Bilder gesehen hat, wird zumindest extrem lustlose Dortmunder gesehen haben. Ob es wirklich Betrug war, ist nie herausgekommen. Wahrscheinlich war es einfach nur eine über die Maßen schlechte Leistung der komplett demotivierten Borussia aus Dortmund.

      Gestört hat mich dann noch die Behandlung der kompletten Thematik seitens der Medien. Die Gladbacher wurden als Sensationssieger dargestellt, denen „die große Aufholjagd“ fast noch gelungen wäre. Dabei wurde der Umstand, dass gegen diese Dortmunder wahrscheinlich auch der BC Stotzheim an diesem Tag bestanden hätte, in den Hintergrund gedrückt. Wieder ärgerte ich mich, die Huldigung des neuen deutschen Meisters kam in meinen Augen etwas zu kurz.

      Das akuelle Sportstudio vom Tag X


      Spätabends habe ich mir natürlich das „aktuelle Sportstudio“ (siehe hier) angesehen. Dort war von FC-Seite Wolfgang Overath, gemeinsam mit seiner Frau Karin, zu Gast. Nach einem durchaus anschaulichen Bericht aus Hamburg kam Overath umfassend zu Wort. Doch leider konnte die Kölner Ikone keine große Freude über den Sieg seines FC verbreiten, zu tief waren die Wunden, die sein Abgang im Vorjahr hinterlassen hatte. Dementsprechend war die Stimmung im Sportstudio eher verhalten.

      Aber am Folgetag wurde der neue deutsche Meister natürlich gebührend empfangen. HIERnun einige der sehr seltenen Film-Aufnahmen (die erst vor kurzem auftauchten) von der Feier auf dem Rathausbalkon.

      Um es noch mal klar zu betonen, natürlich habe nach dem ersten Ärger, recht bald die Meisterschaftsfreude empfunden. Den Stolz und die Freude teilte man mit seinen Schulkameraden am Montag darauf, es wurde heftig gefeiert, Gladbach und Bayern Fans wurden stilecht gehänselt … und auch in den hiesigen Zeitungen wurde der FC zurecht gefeiert.

      Ob ich Rehagel verziehen habe? Naja … fast, so etwas braucht Zeit … :wink:
    • Für FC-Fans wie mich, die bisher leider nicht in den Genuss einer "eigenen" Meisterschaft gekommen sind, bleiben bislang nur die Berichte von Zeitzeugen. Umso schöner ist es dann, wenn dabei etwas wie der obige Text rauskommt. Sehr schön und detailliert beschrieben, ich kann mich beim Lesen förmlich mit auf die Tischtennisplatte setzen. Klasse Blog-Beitrag, Chapeau!
    • danke für die Erinnerungen Ralf Friedrichs und für die Links, die ich mir mal in einer ruhigen Minute gerne anschauen werde.

      Sie schreiben genauso klasse, wie sie in meinen Augen den FC Stammtisch leiten (den ich immer gerne dann Donnerstags auf center-TV mir anschaue - vielleicht schaffe ich es mit einem Tag Urlaub ja auch mal persönlich hin).
      ......nein....nein....ich weiß auch nicht, warum der Risse immer die Freistöße schießt.....
    • elkie57 schrieb:

      danke für die Erinnerungen Ralf Friedrichs und für die Links, die ich mir mal in einer ruhigen Minute gerne anschauen werde.

      Ich kann sie dir nur an´s Herz legen. Gerade das Aktuelle Sportstudio von damals ist aus heutiger Sicht schon wirklich der Knaller. Flocke geht verletzt vom Platz und wird noch auf dem Weg zur Bank von Reportern umringt; Weisweiler steht vor der Bank und etliche Reporter halten ihm mitten im Spiel ihre Mikros in´s Gesicht ("Wie sehen Sie jetzt gerade das Spiel? Gefällt Ihnen das Spiel?") und Flocke gibt während dem laufenden Spiel schon mal ein Interview am Spielfeldrand. Aus heutiger Sicht alles unvorstellbar.

      Das Video ausgemacht habe ich dann, als Wolfgang Overath später im Studio den Mund aufmacht.
    • ich hatte schon mal 1 Minute von dem Video angesehen....ich weiß, was du meinst, dass OW total beleidigt ist, sieht man schon an seiner Miene :D:
      ......nein....nein....ich weiß auch nicht, warum der Risse immer die Freistöße schießt.....
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