Ich hab es hier schonmal geschrieben und bleibe dabei. Der Osten hat es komplett verbockt seine eigene Geschichte aufzuarbeiten. Das dort jetzt auch noch eine Partei gewählt wird die Russland nahe steht ist Zynismus pur.
Bei der fehlenden Aufarbeitung stimme ich dir zu. Mich beschäftigen dabei vor allem die juristischen Folgen für das in der DDR begangene Unrecht. So gab es nur wenige Prozesse gegen Mitarbeitende der Grenztruppen und der Staatssicherheit - und wenn, dann mit erschreckend niedrigen Strafmaßen, was mit Blick auf die deutschen Gesetze mit dem Rückwirkungsverbot sowie mit Blick auf die internationalen Rechtsnormen mit der weitgehenden Nichtberührung des Völkerrechts argumentiert wurde. Das mag juristisch noch halbwegs nachvollziehbar sein, ist moralisch aber nicht hinnehmbar - und für tausende Opfer des Systems aus Unterdrückung und Überwachung der DDR natürlich ein Schlag ins Gesicht. Zumal es ja insgesamt deutlich mehr aufzuarbeiten gäbe als nur die Rechtsbrüche in der Zeit zwischen 1949 und 1989.
Aber ich sehe den Zynismus nicht, wenn Menschen aus der ehemaligen DDR nun Parteien wählen, die Russland nahestehen. Die Sowjetunion war 40 Jahre lang in der DDR deutlich omnipräsenter als es Amerikaner, Briten und Franzosen zur gleichen Zeit in Westdeutschland waren. Eine vier Jahrzehnte mal offen erkennbare, mal subtil durchgeführte Propaganda hinterlässt eben ihre Spuren - und führt sicherlich nicht dazu, dass mit der Maueröffnung das große Reinemachen sowjetischen Unrechts beginnt. Eine das individuelle Leben massiv beeinflussende Propagandamaschine und die fehlende Aufarbeitung der eigenen Geschichte führen halt dazu, dass sich viele Menschen der früheren DDR heute immer noch in geistiger Nähe zu Russland sehen.
Um es mal an meinem Beispiel zu verdeutlichen: War ich als Kind in der DDR unpolitisch? Gefühlt ja, weil ich mich nirgendwo bewusst engagiert habe. Und doch bin ich eben den normalen Weg der Indoktrination gegangen, der - aufgrund meines geringen Alters - nur die Berufung zum Jungpionier umfasste. Hätte ich länger in der DDR gelebt, wäre ich Thälmannpionier sowie FDJ'ler geworden und hätte mich als Erwachsener in irgendeiner politischen Organisation wiedergefunden, die nach außen hin Werte der DDR vertreten hätte, die im Kern aber fast ausschließlich sowjetisch geprägt gewesen wäre.
Aber wie oft habe ich Kinderbücher gelesen, in denen ein, zwei Zeilen freigeschaufelt wurden, um einen Rotarmisten einzufügen, der irgendwelche Dinge erklärt hat? Wie oft habe ich Kinderfilme geguckt, in die doch noch eine Zusatzszene eingefügt wurde, in der ein Sowjetbürger helfend eingegriffen hat? Wie oft bin ich am Eingang meiner Schule an der Thälmannbüste vorbeigelaufen, neben der wie selbstverständlich auch Lenin stand? Und genau das war es: Selbstverständlich. Habe ich zum ersten Mai das DDR-Fähnchen und das blaue Fähnchen der Jugendorganisationen in der Hand gehalten, dann war da natürlich auch das rote Fähnchen der Sowjetunion mit bei.
Ich war zur Zeit des Mauerfalls acht Jahre alt. Wie muss es Menschen ergangen sein, die die "Rotlichtbestrahlung" länger durchlaufen haben? Die aus Lehrbüchern für Schule, Ausbildung und Studium erfahren haben, dass jeglicher Fortschritt immer nur von Sowjets initiirt wurde? Die bei Fahrten ins Ausland eigentlich nur Polen, Ungarn, die CSSR und eben die Sowjetunion bereisen konnten? Die die sowjetischen Nationalhelden so sicher aufsagen konnten wie unsereins die Mannschaft vom FC?
Die Sowjetunion war immer das moralische Rückgrat der DDR. So die Meinung der Propaganda, die eben bereits im frühesten Kindheitsalter eingesetzt hat. Und der man sich oft auch Jahre und Jahrzehnte später nicht entziehen kann. Daher finde ich es nicht überraschend oder zynisch, wenn Menschen aus der ehemaligen DDR heute Parteien wählen, die Russland nahestehen.