Ich muss mir mal was von der Seele schreiben...... So fühlt sich Enttäuschung an.
Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin Deutscher. Deutschland ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen, hier ist mein Leben, hier gehören meine Familie, meine Freunde und meine Erinnerungen hin.
Und trotzdem bin ich ein Migrantenkind. Deshalb kann ich ein Wahlergebnis von über 40 Prozent für die AfD nicht einfach als irgendein demokratisches Wahlergebnis betrachten, das mir persönlich eben nicht gefällt.
Wenn über „Remigration“ gesprochen wird, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft in ein „Wir“ und „die Anderen“ eingeteilt werden, dann ist das für mich keine abstrakte politische Debatte. Dann betrifft mich das. Ganz persönlich.
Und ich merke heute, dass zu meiner Enttäuschung noch ein anderes Gefühl kommt: Ich fühle mich bedroht. Nicht, weil morgen jemand vor meiner Tür stehen wird. Sondern weil politische Vorstellungen, die für Menschen mit meiner Familiengeschichte ganz konkrete Fragen nach ihrer Zugehörigkeit aufwerfen, von einem erschreckend großen Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Dann frage ich mich: Wo sehen diese Menschen eigentlich mich? Wie deutsch muss ich sein, damit ich dazugehören darf? Reicht es, hier geboren zu sein? Reicht ein deutscher Pass? Reicht es, sein ganzes Leben hier verbracht zu haben? Oder wird irgendwann wieder der Stammbaum herausgeholt und jemand anderes entscheidet darüber, wer wirklich zu diesem Land gehört?
Und inzwischen beschäftigt mich eine noch viel wichtigere Frage: Was ist mit meinen Kindern?
Sie sind hier geboren. Deutschland ist ihre Heimat. Müssen auch sie irgendwann erklären, woher ihr Vater, ihr Großvater oder ihre Familie ursprünglich kommt? Müssen sie irgendwann beweisen, dass sie „deutsch genug“ sind? Allein, dass mir solche Gedanken durch den Kopf gehen, erschreckt mich. Was mich so trifft, sind deshalb nicht allein die Stimmen für eine Partei. Es ist die Zahl der Menschen, die ihr diese Stimme gegeben haben – im Wissen darum, welche Sprache benutzt wird und welche Vorstellungen über Migration, Herkunft und Zugehörigkeit vertreten werden. Wenn ich nun darüber nachdenke was da schlummert und sich bei den nächsten Wahlen zeigen wird...
Natürlich weiß ich, dass nicht jeder AfD-Wähler jede einzelne Position dieser Partei teilt. Aber irgendwann reicht mir das Argument nicht mehr, man habe sie nur aus Protest gewählt. Denn Protest hat Konsequenzen.
Wer seine Stimme abgibt, entscheidet auch darüber, welchen Vorstellungen von Gesellschaft er politische Macht gibt. Ich habe mich mein ganzes Leben als Deutscher verstanden. Nicht als Deutscher auf Bewährung. Nicht als Deutscher mit Sternchen. Einfach als Deutscher. Ich habe in meinem ganzen Leben nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Deutschland zu verlassen. Warum auch? Es ist meine Heimat.
Heute fühlt sich das anders an. Heute fühle ich mich in meinem eigenen Land weniger wohl. Heute fühle ich mich weniger sicher. Heute fühle ich mich weniger selbstverständlich zugehörig. Und zum ersten Mal erwische ich mich bei dem Gedanken, ob es irgendwann einen Punkt geben könnte, an dem ich dieses Land nicht mehr als den Ort empfinde, an dem ich und meine Kinder selbstverständlich hingehören. Das tut weh. Heimat war immer der Ort, an dem ich selbstverständlich dazugehöre.
Diese Selbstverständlichkeit hat einen Riss bekommen und das Gefühl ist ekelhaft.
Deutschland ist heute für mich ein deutliches Stück weniger Heimat als noch gestern. Und vielleicht ist genau das das Erschreckendste am gestrigen Abend: Dass ein Mensch, der hier geboren wurde, der Deutscher ist und der dieses Land sein ganzes Leben als seine Heimat betrachtet hat, plötzlich darüber nachdenkt, ob er und seine Kinder hier auch in Zukunft noch wirklich gewollt sind. Das macht mich nicht einfach nur wütend. Es macht mich zutiefst traurig. Und es macht mir ein wenig Angst.